Editorial

WIDERSPRUCH 62

Care, Krise und Geschlecht

In Politik und Medien wächst die Besorgnis über die Zukunft einer Wirtschaftsgesellschaft, die dem Marktwachstum den Vorrang gibt vor der Erhaltung der Lebensgrundlagen. Versorgungslücken werden diagnostiziert, Überalterung und explodierende Sozial- und Gesundheitskosten beklagt, jüngere Generationen auf ein Leben nach dem Sozialstaat, auf höhere Risiken eingestimmt. Von einer Krise der betreuenden, pflegenden, versorgenden Arbeit, der Care-Arbeit, ist gar die Rede. Zu oft vermischt sich diese Besorgnis indessen mit dem Bestreben, ein «Erfolgsmodell» fortzuschreiben, das seine Probleme stets nach denselben destruktiven Rezepten angeht: noch intensivere Nutzung der Arbeitskraft und ihrer Ressourcen, selektive Ausbeutung von Migrantinnen und Migranten, Indienstnahme sozialer und familiärer Sorgearbeit, Kommerzialisierung gemeinwirtschaftlicher Leistungen, Öffnung für den «Weltmarkt» und Verschleuderung nicht erneuerbarer natürlicher Ressourcen. Dieser global durchorganisierte Gratisbezug von reproduktiven Leistungen und Gütern schlägt in der wirtschaftlichen Gesamtrechnung des kapitalistischen «Erfolgsmodells» seit jeher kaum zu Buche.

Umso zugespitzter zeigen sich nun, unter Bedingungen der Wirtschaftskrise, die Widersprüche auch in den Gesellschaften des globalen Nordens. «Strukturanpassungen», bis vor Kurzem vorrangig den wirtschaftlich nicht «liberalisierten» Gesellschaften verordnet, werden nun auch hier durchgepeitscht. Zum einen werden Gesundheitswesen und Bildung dem internationalen Kostenwettbewerb ausgesetzt. Zum anderen stösst das grosse Volumen an reproduktiver Gratisarbeit, die insbesondere Frauen seit jeher leisten, an Grenzen, und dies nicht zuletzt deshalb, weil die Erwerbsquote der Frauen in den Industrieländern gesteigert werden konnte. Es verschärfen sich Ausbeutung und Geringschätzung von Migranten und Migrantinnen, ohne deren Leistungen grosse Bereiche öffentlicher, privatwirtschaftlicher und Haushalts-Dienstleistungen radikal infrage gestellt wären. Es mehren sich politische Lobgesänge auf die Freiwilligenarbeit, während in der Realität die sozialen Räume und biografischen Zeitfenster für solche «nicht produktive», nicht marktwirtschaftliche Tätigkeiten immer enger werden.

Die Wirtschaftskrise ist im Grunde auch eine Krise der gesellschaftlichen Reproduktion, die wichtige Versäumnisse schlaglichtartig beleuchtet. Global überlebensfähige und gefestigte Alternativen demokratischen, international und sozial gerechten und ressourcenschonenden Wirtschaftens fehlen heute; versäumt wurde ebenso, die existenzielle Bedeutung der gesellschaftlichen Reproduktion, ihre sozialen, psychischen, physischen, ökologischen Voraussetzungen und Wertgrundlagen zu thematisieren. Der Ethik des Wachsens, Profitierens und Konkurrierens steht kein Gegenpol einer überzeugenden Ethik der Solidarität und des Füreinandersorgens gegenüber. Weitgehend ungehindert oder sogar bestärkt durch traditionelle moralisch-religiöse Institutionen haben sich reaktionäre Rollenbilder, hierarchische Sozialordnungen, patriarchale Herrschaft und rassistische Abwertung nicht bloss halten können, sondern sind mit den Strukturen der kapitalistischen Ausbeutung verschränkt, immer der Gravitation der Machtausübung folgend – wie etwa feministische Theorieansätze und Analysen aufzeigen.

Die aktuelle politische Debatte in der Schweiz, in Deutschland und den umliegenden Ländern bietet in dieser Situation vielerlei Reparaturmassnahmen an, welche die gröbsten Folgen der drohenden «Care-Krise» kaschieren sollen: Massnahmen zur besseren «Vereinbarkeit» von Beruf und Privatleben, die das arbeitende Subjekt stabilisieren und Leistungsressourcen sicherstellen sollen; Ruf nach mehr Freiwilligenarbeit zur Entlastung von Staatsbudget und Sozialabgaben der Wirtschaft; Anwerbung ausländischer Fachkräfte im Gesundheitswesen, nachdem die inländische Ausbildungspolitik versagt hat und die Wertschätzung pflegerischer Berufe gesunken ist; Einstellung von Pflegekräften und Haushilfen aus Osteuropa in Privathaushalten für Betreuungsarbeiten rund um die Uhr, die mit schweizerischen Fachkräften nicht bezahlbar wären; Anrechnung von Care-Leistungen in Form von individuellen Zeitkonten mit Optionen auf den Bezug von Sozialleistungen; rechtsbürgerliche Initiativen zur Einführung von Betreuungsgeldern oder Steuerabzügen für Eltern, welche ihre Kinder zu Hause betreuen, und so weiter.

Die in diesem Band vereinten Beiträge widmen sich den Hintergründen und Auswirkungen der Krise der Care-Arbeit im globalen Norden und Süden. Anhand von Forschungsresultaten und eigenen Studien untersuchen die Autorinnen die Wechselbeziehungen zwischen Care-Ökonomie, Migration und den sich ausbreitenden prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen. Analysiert werden die politischen Vorschläge zur Entschärfung der Care-Krise: Inwieweit treffen sie die Grundprobleme der Versorgungs- und Betreuungsarbeit, der ungerechten Verteilung der Care-Lasten zwischen den Geschlechtern, der Krisenfolgen usw. überhaupt im Kern? Welches wären tragfähige Alternativen und Auswege aus der aktuellen Situation? Reflektiert werden Konzepte und Begriffe der Care-Debatte aus feministisch-marxistischer und sozialethischer Perspektive.

Die Beiträge im Diskussionsteil verfolgen wie immer eigenständige Fragestellungen. Sie analysieren die Herrschaftsform im neoliberalen Kapitalismus, das Verhältnis von Subjekt und Ideologie, Ansätze zur Erneuerung kritischer Gesellschaftstheorie und Perspektiven einer solidarischen Ökonomie – und bieten zugleich wichtige Querbezüge und theoretische Reflexionen zum Schwerpunktthema. Pointierte Tagungsberichte und Besprechungen aktueller Publikationen runden das Heft ab.

Der grössere Teil der Beiträge des Themenschwerpunkts in diesem Heft ist im Rahmen der Tagung «Gender Macht Arbeit» des Netzwerkes WIDE Switzerland im Mai 2012 entstanden. Wir danken der Arbeitsgruppe WIDE Switzerland für die produktive Zusammenarbeit und den bereichernden Input zu diesem Heft. Die Verantwortung für die Bearbeitung der Beiträge liegt bei der Redaktion Widerspruch.

In eigener Sache

Im Frühsommer 2012 hat sich der langjährige Leiter der Redaktion Widerspruch, Pierre Franzen, aus gesundheitlichen Gründen aus der Redaktionsgruppe zurückgezogen (siehe nachstehend unseren Dank an ihn). Dies machte eine Neuorganisation der Arbeiten im Zeitschriftenprojekt nötig.

Auch unsere langjährige enge Zusammenarbeit mit Heidi Aubert, Ruth Amsler und Stefan Witschi geht zu Ende. Wir möchten unseren Mitstreiterinnen und Mitstreitern ganz herzlich danken: Heidi Aubert für die engagierte Betreuung von Vertrieb und Administration, welche die Redaktionsarbeit wesentlich entlastete; Ruth Amsler für die starke Verkaufspräsenz an Veranstaltungen und in Buchhandlungen, wo sie dem Widerspruch ein profiliertes Gesicht gab; und Stefan Witschi, der für professionelles Layout sorgte und uns bei der Fertigstellung der Hefte mit raschen Einschätzungen und Ideen unterstützte.

Die Redaktionsgruppe hat sich aus neuen und aus langjährigen Mitgliedern (siehe Impressum) neu formiert. Unsere Abonnentinnen und Abonnenten haben wir im Juli 2012 darüber informiert, dass die Neuorganisation einige Zeit beansprucht, weshalb das Heft 62 im Januar 2013 erscheint.

Die wichtigsten Neuerungen: Ab sofort erscheint der Widerspruch im Zürcher Rotpunktverlag und zwar jeweils im März und im September. Hier findet das Zeitschriftenprojekt ein geeignetes verlegerisches Umfeld, sowohl thematisch und politisch als auch wegen der guten Zusammenarbeit. Die inhaltliche und editorische Verantwortung sowie das Marketing bleiben unverändert bei der Redaktion. Die Redaktion hat ferner einen Beirat eingerichtet und Personen dafür gewinnen können, die dem Projekt Widerspruch seit Langem nahestehen und es weiterhin inhaltlich und politisch unterstützen möchten.

Wir sind überzeugt, dass wir mit diesen Strukturen weiterhin inhaltlich interessante Hefte anbieten und Beiträge zur politischen Diskussion leisten können. Die neue Redaktion wird sicher auch neue Schwerpunkte setzen. Festhalten werden wir jedoch an unserer Tradition der breiten Plattform für linke Debatten, an der publizistischen Unabhängigkeit und am editorischen Qualitätsanspruch. Die konstant guten Abonnementszahlen und der erfreuliche bis sehr gute Verkauf von Einzelheften zeugen von einem unverändert grossen Interesse am Widerspruch.

Anfang Januar 2013

Die Redaktion

 

Dank an Pierre Franzen

Im Impressum dieser Widerspruch-Nummer fehlt der Name von Pierre
Franzen. Noch bis im Frühsommer des vergangenen Jahres hat er wesentliche
Impulse zur vorliegenden Nummer gegeben, Kontakte zu Autorinnen
und Autoren hergestellt und Beiträge redaktionell betreut. Nun hat
seine Krankheit ihn gezwungen, sich von der Arbeit beim Widerspruch zurückzuziehen.
Pierre war eine der treibenden Kräfte bereits bei der Gründung des Zeitschriftenprojekts. Seit 1981 arbeitete er im Redaktionskollektiv und übernahm bald dessen Koordination und Leitung. In den Jahren des Aufbaus
gewann das Zeitschriftenprojekt die Konturen, die Pierre und anderen
Mitstreiterinnen und Mitstreitern wichtig waren: die eines unabhängigen
Diskussionsforums für linke Debatten mit breitem Themenspektrum, intervenierendem Charakter und hohem Qualitätsanspruch.
Über all die Jahre kam Pierre in Kontakt mit einer wachsenden Zahl von
Autorinnen und Autoren im In- und Ausland, die ihn als diskussionsfreudigen,
bisweilen hartnäckigen Kommentator ihrer Artikel erfahren haben.
Klare Argumentation, präzise Sprache und direkte Bezugnahme auf laufende
Debatten waren ihm stets höchste Anliegen. Verschiedene politische,
wissenschaftliche und kulturelle Standpunkte sollten in den jeweiligen
Themenschwerpunkt Eingang finden. Seine Aufmerksamkeit für
politische Kräfteverhältnisse und Auseinandersetzungen, seine breite Rezeption von Büchern und Medien ermöglichten es, in der Redaktion die
Grundlagen für immer neue Themenschwerpunkte aufzubauen, Kompetenzen
der Redaktionsmitglieder zu mobilisieren und mit den Autorinnen
und Autoren informierte Diskussionen zu führen. Dies machte die Mitarbeit
in der Redaktion attraktiv, auch für verschiedene Kolleginnen und
Kollegen, die im Laufe der Zeit jeweils einige Jahre im Projekt mitwirkten.
Die dezidierte Redaktionsleitung brachte auch Auseinandersetzungen mit
sich, die von allen Beteiligten konstruktives Engagement verlangten und
manchmal auch im Dissens endeten.
Pierre war nicht nur die Schlüsselperson in Redaktion und Herausgeberschaft,
er war auch ein passionierter Werber und Verkäufer. Nach dem
Erscheinen eines neuen Hefts organisierte er mit fast unerschöpflicher,
manchmal die Grenzen der Belastung überschreitender Energie die unzähligen
Besprechungen, Werbebeilagen und Anzeigen, die das Heft erst Versichtbar
machten. Fortlaufendes Marketing der Hefte ist heute wichtiger
Bestandteil der Redaktionsarbeit, und ebenso wichtig ist das Netzwerk
von uns unterstützenden Personen. Damit konnte das wirtschaftliche
Überleben des Zeitschriftenprojekts, das am Büchermarkt bestehen musste
und weiterhin muss, gesichert werden.
Mit dem Weggang von Pierre verlieren wir in der Redaktion einen Weggenossen und Kollegen, der für politische Urteilskraft, Kontinuität und
stets neue Herausforderungen stand – auch in der persönlichen Zusammenarbeit.
Erhalten bleibt uns Pierre jedoch als Freund, Kommentator und kritischer Zeitgenosse.
Urs Sekinger und Walter Schöni