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#52

Das erste Millennium-Entwicklungsziel der G8-Staaten bleibt zwar die Bekämpfung von Armut und Hunger, aber auf dem G8-Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm standen unter dem Motto „Wachstum und Verantwortung“ vor allem die „Investitionsfreiheit“ im Mittelpunkt, die Öffnung der Güter- und Dienstleistungsmärkte, die Liberalisierung der Finanzmärkte. Die Tatsachen, dass in den Ländern des Südens die Einkommens- und Vermögensverteilung immer ungerechter wird, dass laut FAO jährlich 10 Millionen den Hungertod erleiden, dass Millionen von Menschen arbeitslos werden und verarmen, werden von der herrschenden Elite der G8-Staaten verdrängt.

Auch in den Industriestaaten des Nordens wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. So kommt der SonntagsBlick (1. Juli 2007) nicht umhin zu konstatieren, dass sich in der Schweiz „die Schere zwischen ganz oben – die 200 400 Dollar-Millionäre – und denen ganz unten öffnet“. Tatsächlich wälzt die neoliberale Strategie die Arbeits- und Lebensverhältnisse um und treibt den Umbau der sozialen Sicherungssysteme voran. „Prekarität ist überall“, schrieb Pierre Bourdieu bereits 1998 in einem Beitrag zur Arbeitslosenbewegung in Frankreich; es beginne die Herrschaft einer „permanenten Unsicherheit“, die die Arbeitnehmenden zwingt, ihre Ausbeutung sowie die Arbeitsplatzvernichtung hinzunehmen. Arg in Misskredit geraten ist inzwischen ebenfalls die Meritokratie: Entlohnt wird immer weniger nach Leistung, wie die Hungerlöhne im Niedriglohnsektor zeigen – ganz zu schweigen von den exorbitanten Managersalären. Und angeschlagen ist der seit Jahrzehnten ausgehandelte Klassenkompromiss, der Modus, auf dem die Regulierung von Kapital- und Arbeitsmarkt und die Sozialtransfers basiert, ohne alle Formen der Lohnarbeit zu erfassen. Die Fragmentierung der Gesellschaft, soziale Spaltungen, Ausgrenzungen und fremdenfeindliche Tendenzen zerstören mehr und mehr jeglichen Gemeinsinn und stärken die partikulären Interessen.

Vor diesem Hintergrund sind die derzeitigen Debatten über „Neue Klassengesellschaft“, „Neue Unterschicht“ und „Angst der Mittelschichten“ nicht erstaunlich. Sie werfen Fragen nach Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf, sie erfordern kritische Gesellschaftsanalyse und neue Konzeptionen von Klassen sowie von Geschlechterungleichheiten. Und sie reaktualisieren die Frage, wie und in welchem Ausmass das Bildungssystem soziale Ungleichheiten und Spaltungen reproduziert und Ausgrenzungen normalisiert.

Die Kontroversen über das Grundeinkommen und den Mindestlohn, über Streiks und soziale Kämpfe sind bei aller Gegensätzlichkeit der Positionen und Perspektiven immer auch Standortbestimmungen, die zur weiteren Konkretisierung einer Politik der sozialen Gerechtigkeit dringlicher denn je sind.

1. Juli 2007 Die Redaktion

 

Manfred Züfle (1936 - 2007) – ein Nachruf

Mit Manfred Züfle, der am 29. März 2007 gestorben ist, haben wir einen Freund, einen sprachmächtigen Schriftsteller und scharfsinnigen Intellektuellen verloren. Von Beginn an hat er das Zeitschriftenprojekt „Widerspruch“ kritisch begleitet und zum Gelingen der Hefte durch seine Mitarbeit beigetragen. „Ein theoretischer Ort der schweizerischen Linken“, hat er diesen 1985 in der Zeitschrift „Neue Wege“ genannt.

Manfred Züfle, der in Zürich über Hegels Sprache promoviert hatte und dann Mittelschullehrer in Zürich war, wurde mit der 80er Bewegung in Zürich neu politisiert. Manfred setzte sich, als Vater rebellischer Kinder, aktiv gegen die staatliche Repression der 80er Bewegung ein. Er begriff sehr früh, was da auf dem Spiel stand und dass die Linke darauf reagieren musste. Bereits in Heft 4 des „Widerspruch“ veröffentlichte er einen Text über das „Widerstandssubjekt unter dem Druck der Normalität“, und seine damaligen Besprechungen der „Widerspruch“-Hefte im „Tages-Anzeiger“ und in „Neue Wege“ bestärkten die Redaktion in ihrem Vorhaben, der aufgesplitterten Linken in diesem Land „einen Ort der politischen Kultur“ anzubieten, in der sich Sachkompetenz, Eigenständigkeit und Selbstkritik mit der „politischen Verbindlichkeit der theoretischen Arbeit“ verbanden.

Seit längerem in der kritischen, aufgeklärten Bewegung innerhalb der katholischen Kirche engagiert, gehörte Manfred der Redaktionskommission von „Neue Wege – Beiträge zu Christentum und Sozialismus“ an und betonte zugleich die Notwendigkeit einer breiten linken Diskussion. In den „Widerspruch“ brachte er immer wieder Themen ein, mit denen er sich schwergewichtig beschäftigte: Psychoanalyse und französische Theorietraditionen, die Schweiz und der Rechtskonservatismus.

Darüber hat er sich in ebenso profunden wie originellen Beiträgen geäussert: „Angst. Miszellen zu einem verächtlichen Thema“ (Heft 9), „Über Geschichtswerdung einer Schweizer Seele“ (Heft 20), „Das arme Ding und der Mann Moses“ (Heft 26), „Das Faschismus-Syndrom“ (Heft 35), „Haiders Psychopolitik – gibt es das?“ (Heft 39) sowie „Psychoanalytische Orthodoxie als Dissidenz“ (Heft 40).

In den letzten Jahren engagierte sich Manfred vor allem in der Asylbewegung, insbesondere bei solidarité sans frontières. In dem zusammen mit Anni Lanz verfassten Buch „Die Fremdmacher“ (Zürich 2006, edition 8) beschrieb und analysierte er präzis und materialreich eine düstere Geschichte der Ausgrenzungsmechanismen in der Schweizer Ausländer- und Asyl-Politik und Gesellschaft. Die Mai-Nummer der „Neuen Wege“ (5/2007) enthält sechs Nachrufe und Würdigungen zu Manfred Züfle. Einige seiner „Essays zur Macht- und Kulturkritik“ sind versammelt in dem im Argument-Verlag erschienenen Sammelband „Der bretonische Turm“. Die Webseite www.zuefle.ch bleibt dem Andenken des zu früh Verstorbenen gewidmet.

Manfred Züfle überbrückte die Spannung zwischen Schriftsteller und Intellektuellem. Seine Romane, Stücke und Gedichte reflektierten gesellschaftliche Zustände, seine Essays erzählten immer auch anschaulich von Menschen, um die es ihm jederzeit in seinem Denken und Schreiben ging.

Stefan Howald

 

Dank an Ruth Amsler

Ununterbrochen hat Ruth Amsler seit über zwanzig Jahren an Veranstaltungen, Versammlungen und Kongressen von Gewerkschaften, von SPS und Grünen Büchertische organisiert, beharrlich für die Zeitschrift geworben und mit Erfolg Hunderte von Widerspruch-Heften verkauft. Unermüdlich hat sie in dieser Zeit in Bern und in Basel Buchhandlungen betreut und beliefert. Und eine Selbsverständlichkeit ist es ihr nach wie vor, das jeweils neue Heft unter die Lupe zu nehmen und kritisch-anregend zu kommentieren. Die Redaktion ist ihr zu grossem Dank verpflichtet und gratuliert ihr von Herzen zu ihrem 80. Geburtstag.