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#73

Frauen streiken für eine egalitäre Gesellschaft und Schüler*innen organisieren sich, weil die Wachstumslogik (nicht nur) in ökologischer Hinsicht längst auf Kosten zukünftiger Generationen geht. Laut einer kürzlich erschienenen Studie ist beinahe die Hälfte der Schweizer Jugendlichen «kapitalismusfeindlich» ein- gestellt.

Also Land in Sicht für egalitäre Zukunftspläne? Für Klassen-, Geschlechter- und Klimagerechtigkeit? Das Glas ist sicherlich voller, als es auch schon war. Doch ob Zukunftsoptimismus angebracht ist, bleibt offen. Denn gleichzeitig lau- tet die weit über bewegte Kreise hinausweisende Gesellschaftsdiagnose «Angst- gesellschaft». Scheinbar herrscht allüberall das grosse Zittern. Bei weitem nicht nur vor grundsätzlichen Erfahrungen wie der menschlichen Sterblichkeit oder der kontingenten Zukunft, die Herausforderung genug sind. Zahlreiche Ängste, die uns plagen, werden politisch bearbeitet oder geschürt: Angst vor Terroris- mus, neuen Technologien, Migrant*innen, Statusverlust, Nicht-mithalten-Kön- nen oder Erwerbslosigkeit, Angst vor dem Verlust männlicher und westlicher Privilegien sowie vor einer sich der Kontrolle entziehenden Gegenwart und einer undurchschaubaren Zukunft. Selbst in der Gegenwartsliteratur dominieren Dystopien – von Algorithmen beherrschte Grossstädte und von Zukunftsängsten mobilisierte Menschen etwa. Bei so vielen Ängsten fragt dieser Widerspruch, wo und in welchem Ausmass subjektives Leid erzeugt und bewirtschaftet wird, welche strukturellen Ursachen dahinterstehen und inwiefern Solidarität als Gegenmittel wirken kann.

Uns  wurde eingetrichtert, auf steigenden  Druck mit Eigenverantwortung zu reagieren: Vielleicht hätten wir uns intensiver weiterbilden, in der Schule besser aufpassen, eine Berufslehre machen, studieren oder uns angepasster verhalten sollen? Auch wenn es auf den ersten Blick nicht verwundert, dass Psychotherapien boomen, stellt sich doch die Frage, wie dies mit der neoliberalen Gesell-schaft zusammenhängt. Ist es einfach eine Folge oder eine weitere Zurichtungs- form? Und wo bleibt der emanzipatorische, einst z. B. von der Psychoanalyse ins Feld geführte Effekt? Statt Emanzipation macht unter dem Stichwort der Resi- lienz gegenwärtig die Stärkung von Überlebenstechniken Karriere. Ursprünglich in der Materialwirtschaft verwendet, besagt Resilienz, dass sich ein zusammengedrückter Gummiball ohne fremde Hilfe wieder in seinen Ausgangszustand zurückentwickelt. Steht der Gummiball für den Menschen, so wird erwartet, dass er oder sie – unabhängig davon, wie sehr er oder sie in Bedrängnis gerät – Strategien entwickelt, sich selbst zu retten und sich aus sich selbst heraus wieder zu einem funktionierenden Gesellschaftsmitglied zu entwickeln. Ohne die Widerstandsfähigkeit von Individuen infrage stellen zu wollen, lassen Methoden aufhorchen, die zu einer Verschiebung von Verantwortung, zu einer Individualisierung sozialer und politischer Aufgaben anregen. Etwa wenn Betriebe von «Resilienztrainern» überflutet werden, die lehren, dass nicht veränderbaren Situationen besser nicht mit Dickköpfigkeit zu begegnen sei. Oder wenn sich unter dem Vorzeichen der Eigenverantwortlichkeit Versicherungen anstelle von Parlamenten mit der klimabedingten Verdrängung kleinbäuerlicher Landwirtschaft beschäftigen.

Derweil sind Burn-outs und Depressionen omnipräsent. Im Beruf und neuer- dings auch an Schulen. Umso mehr befremdet, dass zu weiten Teilen ausgeblendet wird, was die Zunahme psychischer Erkrankungen über die Arbeitswelt aussagen könnte. Verschwiegen wird, dass mit dem Postulat der permanenten Erreichbarkeit eine Entgrenzung von Privat- und Berufsleben stattfindet – gere- gelte Arbeitszeit und freie Wochenenden waren gestern. Dieses Heft thematisiert, wie erhöhte Mobilitätsanforderungen, unsichere und befristete Beschäftigungs- verhältnisse sowie eine Arbeitswelt 4.0 mit hohen, zusätzlich zum eigentlichen Tun zu bewältigenden Management- und Qualitätsanforderungen unsere Leben und Seelen belagern.

Flankiert wird der Flexibilisierungs- und Entgrenzungsschub von der alten Erzählung, dass in einer liberalen Gesellschaft alles für alle möglich und er- reichbar sei, wenn man nur wirklich wolle und hart dafür arbeite. Gleichzeitig diffamieren dominante Teile der herrschenden Politik Bedürftigkeit, Versagen und das Zurückweisen von Konsum- und Leistungsnormen als asozial, und im- mer mehr Menschen werden aus dem leistungsgetriebenen Kapitalismus ausgegrenzt. So entstehen Zustände, die ganz real nicht mehr tragbar sind – wie die Frauen- und Klimabewegungen zeigen. Die Bewegungen verbreitern sich, weil sich unter anderem die Erkenntnis durchsetzt, dass sich gesellschaftliche Fra- gen nicht individuell – etwa durch eine alleinige Optimierung des persönlichen Lebensstils – lösen lassen, und weil Menschen trotz oder gerade wegen der Angst Mut entwickeln. Dieser Mut fusst weder auf Hassreden noch auf Verschwörungs- theorien, sondern auf der Erkenntnis, dass Rettung nicht «von oben» zu erwarten ist. Er drängt zum gemeinsamen Handeln und Verändern.

Omnia mutantur – alles bleibt in Bewegung; auch Kaiser, Könige und Impe- rien gingen unter und es scheint, dass immer mehr Menschen eine Zukunft wol- len, die sich von der Gegenwart unterscheidet. Das vorliegende Heft bietet Werkzeug dazu.

 

Die Redaktion, im Juli 2019