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Debatten

Heftbeiträge führen oftmals zu Debatten unter unseren Autor*innen, Abonnent*innen und Lesenden, die im halbjährlichen Rhythmus des Erscheinens unserer gedruckten Ausgabe nicht abgebildet werden können. Unter der Rubrik Debatten veröffentlichen wir deshalb neu redigierte Diskussionsbeiträge zu Artikeln unserer Publikationen, selbstverständlich in gewohnter Qualität. Senden Sie Ihre Anregungen und Beiträge per Mail an [email protected].

Klassismus

Schon seit längerem ist die Klasse als soziale Kategorie in Alltag und Wissenschaft zurück. Das
Deutsche Institut für Demoskopie Allensbach fragte 2019 in einer Umfrage «Was sind in
Deutschland die eigentlichen Gegensätze: Was trennt die Menschen in unserer Gesellschaft vor
allem?» 75 Prozent der Westdeutschen und 76 Prozent der Ostdeutschen antworteten «die
soziale Schicht, aus der man kommt». Auch in der Schweiz werden Fragen sozialer Herkunft
vermehrt diskutiert.
Nun ist die soziale Schicht nicht dasselbe wie die Klasse, die Antworten der Allensbach-Umfrage
zeugen aber von einer alltäglichen Wahrnehmung der wachsenden sozialen Ungleichheiten. Dies
verdeutlicht auch eine Anekdote aus dem Umfeld des Deutschen Verfassungsschutzes, der sich
– kommen Klassen ins Spiel – um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sorgen scheint.
Diesen gefährde, wer gesellschaftliche Spaltungstendenzen benennt, wie etwa die Tageszeitung
junge Welt. Die von der Zeitung vertretene «Aufteilung einer Gesellschaft nach dem Merkmal der
produktionsorientierten Klassenzugehörigkeit» sei demokratiewidrig und widerspreche «der
Garantie der Menschenwürde». Dass die Würde von Menschen in unteren Klassen nur zu oft mit
Füssen getreten wird, auch in jungen und jüngsten Jahren, zeigt eine Reihe von Publikationen, in
denen Autor*innen von ihrem Aufwachsen und ihren Erfahrungen am unteren Ende der
Sozialstruktur erzählen. Der übergeordnete Begriff für die gemachten Diskriminierungs- und
Abwertungserfahrungen lautet «Klassismus».
Als Auftakt zum Thema der sozialen Klassen, das den Widerspruch auch in Zukunft begleiten
wird, stellt Andreas Kemper den Klassismus-Ansatz vor. Fabian Nehring kritisiert in seinem
Beitrag den Ansatz aus marxistischer Sicht. Beide Artikel wurden im Heft 77 publiziert, die
Autoren führen die Debatte hier fort.

Andreas  
Kemper